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Ilse Ernst:
Karl Emil von Schafhäutl

 

Karl Emil von Schafhäutl
aus Ingolstadt,
der Vater des TÜV

 

Als der Technische Überwachungsverein Bayern Ende 1995 sein 125jähriges Bestehen feierte, wurde auch ein Mann gewürdigt, der mit an der Wiege des TÜV stand:
Karl Emil von Schafhäutl (1803-1890).

Der aus Ingolstadt stammende Universalgelehrte hat sich im 19. Jahrhundert bei der Entwicklung der Technik für den Schutz und die Sicherheit der Arbeitenden eingesetzt.

Der Ingolstädter Heimatforscher Wilhelm Ernst hat in seinem Buch „Karl Emil von Schafhäutl, ein bayerisches Universalgenie“ den Lebensweg Schafhäutls nachgezeichnet.

Karl Emil von Schafhäutl

Der im Jahr 1803 in Ingolstadt Geborene besuchte nur zwei Jahre lang das Gymnasium, ging dann bei verschiedenen Handwerkern in die Lehre und wurde schließlich bei der Ingolstädter Zeitung als Buchdruckerlehrling eingestellt.
Im Jahr 1829 kam er als Skriptor an die Universitätsbibliothek nach München. Dort lernte er den Flötenvirtuosen Theobald Böhm kennen, mit dem er 1834 nach England fuhr.
Schon als jugendlicher Experimentierer hatte er in Ingolstadt viele Experimente mit Dampf gemacht. Als Siebzehnjähriger konstruierte er eine Vorrichtung, in welcher Wasser durch Einspritzen in ein glühendes Gefäß in Wasserdampf verwandelt wurde und eine Kugel fortschleuderte.
In England wollte er versuchen, diese Energie „in die Schranken“ zu weisen. Gerade in England gab es immer wieder Explosionen von Dampfkesseln, die mit ungeheurer Gewalt Gebäude zerstörten, Menschen verletzten und töteten. Nach der Einführung der Hochdruckdampfmaschinen im Jahr 1800 nahmen diese an Zahl und Wirkung stark zu und verbreiteten überall Furcht und Schrecken. Mit Ventilen wollte man die Gefahr bannen. Trotz funktionierender Ventile explodierten immer wieder Kessel. Wie konnte das möglich sein, fragte sich Schafhäutl.

In zwei Forschungsphasen gelang es ihm im Jahr 1839, die Entstehung dieser Explosionen zu klären. Er hatte sich in der Villa eines Eisenherrn ein Laboratorium einrichten dürfen, und Zugang zu den Eisenwerken besaß er auch. Das war etwas ganz Besonderes. Grundsätzlich galten alle Besucher vom Festland und natürlich auch von Deutschland als Spione. Böhm aber gab am Abend bei den Eisenherren Flötenkonzerte. Seine Flöte hatte den beiden Bayern die Fabriken geöffnet!

Das Ergebnis der ersten Phase seiner Forschung trug er in drei Vorlesungen der Royal Institution of Civil Engineers vor und veröffentlichte diese in englischer Sprache. Nicht zum Thema gehörig, aber für Bayern recht aufschlußreich ist das Urteil eines englischen Professors: „Dr. Schafhäutls Artikel gewährte mir ebensoviel Belehrung als Vergnügen und vermehrt nun die sehr große Liste der Verbindlichkeiten, die wir Engländer den Gelehrten Norddeutschlands schuldig sind...“ Einem Gelehrten aus Bayern traute man damals solche Kenntnisse nicht zu!

Als Zeuge der aufsehenerregenden Explosion des Hull-Dampfbootes, dessen Kesseltrümmer er genau untersuchte, begann Schafhäutl die zweite Forschungsphase, deren Ergebnisse er in vier Sitzungen den Zivilingenieuren vortrug. Er fand so viel Anerkennung bei den Fachleuten, daß diese ihn 1841 mit der großen silbernen Telford-Medaille ehrten.
Was waren nun, kurz gesagt, die Ergebnisse seiner Forschung? Kaum der zehnte Teil der Dampfkesselexplosionen könne auf die Überladung der Sicherheitsventile oder auf einen großen Dampfdruck im Kessel zurückgeführt werden. Schuld seien schwefelreiche Steinkohlen, wenn man diese zur Beheizung von Kesseln benütze. Diese würden den Kessel aufschwefeln und ihn zum Bersten bringen.

Seine theoretische Forschung war damit beendet, die praktische Arbeit mit den Dampfkesseln sollte dann in der Heimat beginnen.
Sofort nach seiner Rückkehr aus England trat er 1841 dem Polytechnischen Verein in München bei; schon im Jahr 1815 gegründet, war dieser einer der ältesten Gewerbevereine von ganz Deutschland. Die Mitglieder berieten ehrenamtlich sowohl Privatleute als auch Behörden in naturwissenschaftlichen als auch technischen Fragen.
So gehörte Schafhäutl im Jahr 1852 zusammen mit Münzdirektor Heindl und dem Konservator Steinheil zu der Überwachungskommission für Dampfkessel. Diese hatten zu prüfen, ob die Kessel einen Kaltwasserdruck von 12 Atmosphären ohne die geringste Beschädigung bei der größten zulässigen Ausbiegung von 6 Millimetern ertragen würden.
Dieser Ausschuß veränderte sich in den nächsten Jahrzehnten nur wenig. Schafhäutl fungierte später als alleiniger Kommissar. Bis 1876 war er auch mit der amtlichen Kontrolle der Dampfkessel Oberbayerns betraut - mehr als 2000 an der Zahl. Schafhäutl war damals 73 Jahre alt!

Schafhäutl selbst wurde im Jahr 1842 ohne akademischen Bildungsgang Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Professor für Geologie an der Universität München. Er organisierte die geologische Aufnahme Bayerns und war selbst vor allem im Voralpengebiet erfolgreich. Als einer der Ersten zog er die Chemie zur Erforschung der Erdgeschichte heran. Erfolgreich war er auch in der Wunderwelt der Mineralien.

Mit der Musik blieb er als Forscher, Lehrer und Kritiker immer verbunden. Auf seinem Spezialgebiet „Akustik“ erarbeitete er die akustischen Daten für die Böhm-Flöte, die noch heute gespielt wird.

Sein ganzes Leben lang war er der Aufgabe treu geblieben, die Menschen mit den Schöpfungen der Technik bekanntzumachen, auf die Gefahren beim Umgang mit ihr hinzuweisen und ihnen zu zeigen, wie man sie meistern kann. Freilich allein war er längst nicht mehr.

Im Jahr 1870 hatten 43 bayerische Unternehmer den Bayerischen Dampfkessel-Revisionsverein gegründet. Mit der sich ständig entwickelnden Technik wuchsen die Aufgaben immer mehr an.
Die Unternehmensgruppe TÜV Bayern, die 125 Jahre alt geworden ist, begutachtet Kraftwerke, Industrieanlagen, befaßt sich mit Fragen der Sicherheit, des Umweltschutzes, überprüft Fahrzeuge, stellt Zertifikate von der Skibindung bis zum Herzschrittmacher aus.

Lit.:
Wilhelm Ernst
Karl Emil von Schafhäutl (1803-1890)
Ein bayerisches Universalgenie des 19. Jahrhunderts
Ingolstadt 1994


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