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Hannelore Eisenhofer-Halim
Totengeleit und Menschenopfer im alten China

 
Die Shang-Dynastie, die bislang als die älteste Dynastie Chinas gilt, bestand nach der offiziellen Chronologie von 1751 bis 1111 v.u.Z. Sie wurde durch das Herrscherhaus der Chou abgelöst.
Das Staatsgebiet der Shang umfaßte das heutige Honan, die Halbinsel Shantung, Hopei, Shansi, Shensi und Hopei. Kennzeichen der Dynastie waren Hauptstädte, die Verwendung der Bronzegusses, die Erfindung einer Schrift, das Kalenderwesen und der Bau von Palastanlagen und Monumentalgräbern für die Könige und deren Gemahlinnen.

Bedeutend für die Erforschung des Totenbrauchs ist die Nekropole von Yin-hsü, die sich in der Nähe des heutigen Anyang in der Provinz Honan befindet.


Menschenopfer

Schriftliche Beweise für Menschenopfer finden sich auf den zahlreich zutage geförderten Orakelknochen, die Anfragen an die Ahnengeister enthielten. Grund für eine solche Anfrage mit anschließendem Opfer waren Kriesgszüge oder Reisen des Königs, Krankheiten, Ernte und vieles mehr. Da den Ahnengeistern Kräfte zugeschrieben wurden, die das Wohl und Wehe der im Diesseits lebenden Menschen bestimmen konnten, mußten die Geister durch entsprechende Opferhandlungen gnädig gestimmt werden.
Geopfert wurden Menschen und Tiere.

Die ersten Hinweise auf die Opfertätigkeit finden sich in Yen-shih, einem Ort südwestlich von Anyang. Dort soll sich die erste Hauptstadt namens Po befunden haben.
Bei Untersuchungen wurden Gruben freigelegt, die die Skelette von mehreren Individuen enthielten, die offensichtlich enthauptet oder verstümmelt worden waren. Aus der verkrümmten Haltung mancher Skelette glaubt man sogar ablesen zu können, daß diese Individuen lebendig begraben wurden.

Auf die Hauptstadt Po folgte die Stadt Ao, beim heutigen Cheng-chou gelegen. Die Funde verteilen sich auf mehrere Orte. Gleich der Stadt Po besaß Ao eine Stadtmauer aus gestampftem Lehm, Handwerker- und Wohnviertel. Unter den festgestampften Fußböden einiger Gebäudeüberreste konnten kleine Gruben beobachtet werden, die Skelette von kleinen Kindern oder Hunden bargen. Es ist anzunehmen, daß es sich um eine Art Bauopfer handelt. Wieder andere Gruben enthielten neben den menschlichen Skeletten Knochen von Tieren wie Schwein oder Hund. Die meisten der als Opfer identifizierten Individuen waren enthauptet, die Schädel in separaten Gruben niedergelegt. Menschenknochen wurden übrigens auch zu Werkzeugen verarbeitet.


Bei Anyang befand sich die letzte Hauptstadt, Yin-hsü.
Das gesamte Areal, das mehrmals gründlich erforscht wurde, teilt sich in mehrere Bereiche auf, die durch den Fluß Huan voneinander getrennt sind.
Gebiet der königlichen Mausoleen
Die Überreste der königlichen Residenz befanden sich südlich, die Nekropole nördlich des Flusses bei Hou-chia-chuang und Wu-kuan-ts'un.

Abb. 1.
Gebiet der königlichen Mausoleen
bei Hou-chia-chuang und Wu-kuan-ts’un,
Anyang, Provinz Honan

Die Begräbnisplätze der Oberschicht lagen bei Hou-kang, die der einfachen Bevölkerung bei
Ta-sse-kung-ts'un.

Grabungsareal der Opfergruben bei Anyang
1976 wurden in der Nähe der Nekropole zwei-
hundertfünfzig in Reihen angelegte Gruben frei-
gelegt und untersucht. Die Forschungen ergaben,
daß sich darin einhundertneunzig Menschen-
knochen befanden.
Grabungsareal der Opfergruben bei Anyang
Gemäß der Lage und der Anordnung ergaben sich
zwei Gruppen, eine Nordsüd- und eine Ostwest-
gruppe, wobei die erste unter der letzteren lag.
Anhand der Keramikfunde, die in einigen Gruben entdeckt wurden, können einige in die Zeit von
1280-1240 v. u.Z. datiert werden.
Das Grubenareal liegt südlich der bereits 1950 freigelegten Monumentalgräber und östlich des Mausoleums M1400. Die unmittelbare Nähe zu den Mausoleen der Könige und ihrer Gemahlinnen läßt den Schluß zu, daß es sich hier um reine Opfergruben handelt.


Anordnung der Gruben in Gruppe 17. Rechts außen das Skelett eines Schweins
Die Gruben selbst waren rechteckig mit festgestampfter Sohle. Bestattungsgerät war nicht zu beobachten.
Innerhalb einer Reihe waren die Gruben oft nur wenige Zentimeter voneinander getrennt.
Gruben innerhalb einer Reihe wiesen die gleichen Merkmale bezüglich der Größe, der Tiefe, der Öffnung und der Anzahl der niedergelegten Individuen auf.

Abb. 4. Anordnung der Gruben in Gruppe 17. Rechts außen das Skelett eines Schweins


Grube M 87 mit zehn Torsi
Grube M 5 mit zehn Individuen
In den Nordsüdgruben waren in erster Linie junge Männer in Bauchlage ohne Beigaben niedergelegt.
Sie waren enthauptet, die Skelette waren der Richtung gemäß angeordnet. Eine Grube enthielt acht bis zehn Skelette.


In den Ostwestgruben fanden sich Skelette von erwachsenen Frauen oder Kindern, in Bauchlage, zum Teil mit Beigaben.
Die Individuen waren weder enthauptet noch verstümmelt.

Abb. 5. Grube M 87 mit zehn Torsi - Abb. 6. Grube M 5 mit zehn Individuen


Opfergrube mit jungem Elephanten
Opfergrube mit Pferdeskeletten

Hinzu kamen Gruben mit Tier-
bestattungen, wie Schweine oder Pferde mit Zaumzeug.

Nach eingehender Untersuchung wird heute angenommen, daß hier insgesamt 1178 Individuen niedergelegt wurden.

Die genannten Beispiele beziehen sich auf die Opfer innerhalb der Begräbnisplätze.


Abb. 7. Opfergrube mit jungem Elephanten - Abb. 8. Opfergrube mit Pferdeskeletten


enthauptete Individuen aus der Füllerde der südlichen Zugangsrampe des Monumentalgrabes M1001 von Hsi-pei-kang
Eine weitere Opferart war das Bauopfer, das ebenfalls Menschenopfer verlangte.
Je nach Bauabschnitt wurden Menschen oder Pferde und Wagen dargebracht.

Abb. 9. Enthauptete Individuen aus der
Füllerde der südlichen Zugangsrampe des
Monumentalgrabes M1001 von Hsi-pei-kang


Totengeleit

Totengeleit gehörte ebenfalls zum Brauchtum im alten China. Bei der Bestattung hochgestellter Persönlichkeiten erfolgte in mehreren Abschnitten die Niederlegung von Individuen.
Besonders eindrucksvoll ist das Totengeleit in den Monumentalgräbern, das bis zu hundert Individuen umfassen konnte.

Grundriß und Seitenansicht des Grabes M1 von Wu-kuan-ts’un bei Anyang.


Abb. 10.
Grundriß und Seitenansicht
des Grabes M1 von Wu-kuan-ts’un
bei Anyang.
Im Zentrum der Grabsohle ist deutlich
die sogenannte "Nierengrube" yao-k’eng
zu sehen.


Ein Monumentalgrab bestand aus einem tief ausgehobenen Hauptschacht, der auf zwei gegenüberliegenden oder auf allen vier Seiten mit stufenförmig angelegten Zugangsrampen versehen war. Oberhalb der eigentlichen Grabkammer war eine umlaufende Plattform angelegt. Die verschiedenen Abschnitte bei der Anlage eines solchen Grabes erforderten verschiedene Arten von Totengeleit und Opfer.
Das Ausheben einer Zentralgrube innerhalb der Grabsohle dürfte zu den Bauopfern zu rechnen sein. Bei der Anlage eines Monumentalgrabes wurden jedoch nicht nur im Zentrum, sondern auch in den vier Ecken Gruben ausgehoben, in denen die Skelette jeweils eines männlichen Erwachsenen, oftmals ausgestattet mit einer Waffe, entdeckt wurden. In der Zentralgrube war entweder ein Hund oder ein kleines Kind oder beides zusammen niedergelegt. Die ausgehobene Grube des Hauptschachtes wurde meist mit einer Holzverkleidung versehen. Zwischen dieser und der Schachtwand waren ebenfalls Individuen, meist lebendig begraben, zu beobachten.

Aufgrund der Anordnung innerhalb des Grabes können Rückschlüsse auf die Rangordnung der mitbestatteten Individuen gezogen werden:
a) Bestattungen, die im gleichen Schacht wie der Grabherr niedergelegt waren, dürften entweder das engste und persönliche Gefolge oder Angehörige gewesen sein; Beigaben und die Verwendung von Särgen konnten festgestellt werden.
b) Totengeleit, niedergelegt auf den Zugangsrampen oder in der Füllerde, standen im Rang unter a. Anhand der Orakeltexte wird angenommen, daß es sich um Sklaven oder Kriegsgefangene handelte.
c) Bestattungen in Gruben in der Nähe der Gräber werden als Opfer für den Toten angesehen. Die niedergelegten Individuen zeigen deutliche Spuren von Gewalteinwirkung.

Folgende Tötungs- und Bestattungsarten konnten anhand des bisher untersuchten und veröffentlichten Materials festgestellt werden:
1. In den Zentralgruben der Grabsohle: meist in Hockerstellung, zum Teil mit dem Kopf nach unten lebendig begraben; es wurden Skelette von kleinen Kindern, von Hunden und erwachsenen Männern beobachtet.
2. Auf den umlaufenden Plattformen: Bestattung in Särgen oder eigenen Schächten, in gestreckter Rücken- oder Bauchlage ohne Anzeichen von Fremdeinwirkung. Mitunter Beigaben. Kein geschlechtsspezifischer Unterschied.
3. Zwischen Außensargkammer und Grabschacht: vorwiegend Schädel, aber auch komplette Skelette; aufgrund von Abdrücken von Holzpflöcken und der verkrümmten Haltung wird davon ausgegangen, daß die Individuen lebendig begraben wurden.
4. In den Grabzugängen: abgeschlagene Schädel oder Torsi, in Reihen angeordnet.

Enthauptung war in der Shang-Zeit eine der am meisten angewandten Tötungsarten. Die Schädel waren nicht immer im Bereich der Halswirbel vom Körper getrennt worden, sondern auch oberhalb der Nasenwurzel, zwischen Ober- und Unterkiefer oder oberhalb der Augenbrauen. Frauen waren meist nicht enthauptet worden.
Eine weitere Tötungsart war das Zerhacken, das vor allem in Reihengräbern, in denen verschiedene Skeletteile übereinandergetürmt lagen, beobachtet werden konnte.
Skelette von kleinen Kindern wurden meist in Hockerstellung in Bauchlage angetroffen. Skelette von Halbwüchsigen waren in Hockerstellung (Embryonalstellung) in Seitenlage niedergelegt.


Pferde- und Wagengrube bei Anyang
Die Opfer umfaßten außerdem Pferde und Wagen, die entweder in eigenen Gruben oder den Zugangsrampen der Monumen-
talgräber niedergelegt waren.
Hinter dem Wagenkasten waren die Skelette der Wagenlenker oder Pferde-
knechte zu finden.

Abb. 11. Pferde- und Wagengrube bei Anyang


Pferde- und Wagengruben sind mittlerweile in großer Zahl freigelegt und untersucht worden.
Sie zeigen, daß das Pferd einen großen Stellenwert besaß.

In der auf die Shang-Zeit folgenden Dynastie der Chou wurden die genannten Opfer in geringerem Ausmaß weitergeführt. Ein Ansteigen der Pferd- und Wagengruben ist in dieser Zeit festzustellen. Mitunter waren ganze Wagenzüge niedergelegt worden.


Hannelore Eisenhofer-Halim, 1998
Der Artikel wird 1999 in ausführlicher Fassung in der Monumenta Serica erscheinen.


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