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Kurt Scheuerer:
Lebensumstände des paläolithischen Menschen

 

Sammler und Wildbeuter

Die Zähne der Australopithecinen weisen die gleichen Abnutzungs-Spuren auf wie diejenigen der heutigen Schimpansen; ähnlich wie diese dürften sie also von pflanzlicher Nahrung und gelegentlich erbeuteten Kleintieren, sowie zunehmend von Aas gelebt haben.

Jagd

Eine gemeinsame Jagdausübung läßt sich beim Homo erectus in Torralba und Ambrona in Spanien erkennen; schon vor mehr als 300.000 Jahren wurden hier - vermutlich mit Feuersbränden - Tiere in sumpfiges Gelände getrieben (R.E.Leakey, 1981, S.118.).
Ähnliche jungpaläolithische Funde gibt es mehrere: Steinbockjagd vor 13.000 Jahren bei der Höhle La Vache in den Pyrenäen; Treiben von Wildpferden an eine Felswand bei Solutré vor etwa 17.000 Jahren (R.E.Leakey, 1981, S.187-189).

Rentierjagd

Funde von Meeresmuscheln weit im französischen Landesinneren (im Périgord) lassen vermuten, daß manche Jagdgruppen gegen Ende der Würmeiszeit den Rentierherden auf ihren jährlichen Wanderungen zum Sommeraufenthalt an den Küsten des Atlantiks und des Mittelmeers gefolgt sind, um im Herbst im Gefolge der Herden wieder zu den Winterlagern zurückzukehren (wildfeste Jagd; R.E.Leakey, 1981, S.189-192).
Es gibt dort allerdings auch Lagerplätze, an denen das ganze Jahr über Renjagd betrieben wurde (revierfeste Jagd).
Ein Nachwandern zeigte sich auch bei der magdalénienzeitlichen Hamburger Gruppe, welche ihre Sommerlager zur Rentierjagd nahe dem damaligen Eisrand errichtet hatte (Müller-Karpe, 1974, S.65).

Tierhaltung

Im westlichen Frankreich (La Quina und Le Placard in der Charente; R.E.Leakey, 1981, S.195) wurden 30.000 Jahre alte Schneidezähne von Wildpferden gefunden, welche offenbar über lange Zeit angebunden gehalten wurden, da sie die typischen Abnützungsspuren des Krippensetzens aufweisen. Dies ist ein Aufsetzen der oberen Schneidezähne auf einen Balken, um Luft zu schlucken; ein Symptom der Langeweile.
Eine eigentliche Tierhaltung dürfte jedoch erst nach der Eiszeit begonnen haben; ebenso der zielstrebige Anbau von Nutzpflanzen, welcher vor 10.000 Jahren im Vorderen Orient, im sogenannten »Fruchtbaren Halbmond« (Osttürkei, Nordirak, Nordiran) begann.

Wohnung, Hütte

Vom Homo erectus sind am Strand von Terra Amata bei Nizza mehrere vor 400.000 Jahren jeweils im Frühjahr an immer der gleichen Stelle errichtete 12 mal 6 Meter große Schutzhütten aus Stangen und Zweigen mit einer Feuerstelle im Inneren bekannt. Als Schlafunterlage wurden offenbar Tierhäute benutzt (R.E.Leakey, 1981, S.123-125).
Die jungpaläolithischen Behausungen waren entweder zeltartig rund oder als Erdhütten bis zu 30 m lang in den Boden eingegraben worden und sind offenbar mit vernähten Fellen bedeckt gewesen. Im Inneren befanden sich meist mehrere Feuerstellen. Die Flechtkunst zur Anfertigung von Matten scheint bekannt gewesen zu sein.
Die Häuser des Neolithikums wurden aus behauenen Stütz- und Trägerbalken errichtet und das Flechtwerk der Hüttenwände mit Lehm verschmiert. Erst viel später gab es bei uns Blockhäuser und nur im Mittelmeerraum wurde in Stein gebaut.

Kleidung

Der würmeiszeitliche Mensch dürfte sich wohl zunehmend besser bekleidet haben: wir kennen Schaber zum Säubern der Felle.
Zur Haltbarmachung wurden die gereinigten Häute wohl gekaut, mit Knochennadeln konnte das Leder genäht werden.
Der Pelz könnte nach Eskimoart innen getragen worden sein; jedoch zeigt eine in Buret, Sibirien gefundene Frauenstatuette Einkerbungen, welche in Zusammenhang mit einer möglichen Fellmütze auf Pelzkleidung schließen lassen.

Höhle

Seit der Mensch zum Feuergebrauch in der Lage war und somit die Tiere aus den Höhlen vertreiben konnte, sind von ihm dort auch Aufenthalte nachzuweisen. Diese Orte dürften jedoch lediglich im Winter oder nur zu kurzfristigen Jagdübernachtungen aufgesucht worden sein; der übliche Wohnort waren sicherlich die Freilandstationen.
Von Eskimo-Wanderungen her kennt man Tagesleistungen von 40 Kilometern. Entfernten sich die Jäger also weiter als 20 km vom Basislager, in welchem die Frauen und Kinder lebten, so mußten sie, um nicht zu erfrieren, an geschützten Plätzen, wie Höhlen oder Felsüberhängen (Abris) übernachten.
Aus Erfahrung hat sich gezeigt, daß unsere Altmühltalhöhlen nach länger anhaltenden Regenfällen fast durchwegs tropfnaß, also unbewohnbar sind; die Eingänge und Abris dagegen, an welchen sich meist auch die eiszeitlichen Feuerstellen befanden, sind trocken.
Außerdem sind Höhlen ständig einsturzgefährdet, weswegen die Weinberghöhlen bei Mauern heute auch nicht mehr betreten werden können.

Begräbnis

Seit der Zeit der Neandertaler sind Begräbnisse feststellbar; den Toten wurde üblicherweise ihr am Körper getragener Besitz (Totenteil) beigegeben. Dies waren Kleidung und Steingeräte (Waffen), im Jungpaläolithikum auch Schmuck, dieser bei beiden Geschlechtern und bei Kindern gleichermaßen (Müller-Karpe, 1974, S.257).
H. Müller-Karpe vermutete sogar in den beigelegten Fleischstücken »Abschiedsgeschenke ..., die das Gefühl der Verbundenheit ausdrücken sollten« (1974, S.258).
Die Verstorbenen wurden mit Ocker, Rötel oder Blumen bestreut und gelegentlich, sicherlich zum Schutz gegen wilde Tiere, mit Steinen oder auch Mammut-Schulterblättern zugedeckt. Zwar gilt Rot bei späteren Völkern durchwegs als Farbe des Lebens (Blut), man kann aber auch denken, daß der Tote so geschmückt wurde, wie er dies auch zu Lebzeiten getan haben mag (Müller-Karpe, 1974, S.254;258).
Häufig wurden Verstorbene an der besten Stelle eines sodann verlassenen Lagerplatzes bestattet, manchmal direkt auf der noch warmen Feuerstelle (Müller-Karpe, 1974, S.253/254).

Schmuck

Wohl früh schon entwickelte sich das Bedürfnis, sich mit Schmuck zu versehen - auch Körperbemalung und Tätowierung gehören hierzu.
In den Schutzhütten des Homo erectus von Terra Amata bei Nizza wurden Spuren von aufgebrauchtem Ocker gefunden, welche auf Körperbemalung hinweisen können (R.E.Leakey, 1981, S.124).
Als Schmuckstücke galten seit dem Jungpaläolithikum schwer zu beschaffende Gegenstände und Stoffe: in mehreren mitteleuropäischen Höhlen wurden Mittelmeermuscheln als Schmuckstücke gefunden (Müller-Karpe, 1974, S.33/34).
Halsketten, Armreifen und Zierscheiben sind in größerer Anzahl bekannt (Müller-Karpe, 1974, Tafel 2/3).

Statuetten

Aus dem Gravettien wurden über hundert Frauenstatuetten gefunden.
Es gibt nicht nur fettleibige und schwangere sondern auch schlanke, mädchenhafte Darstellungen. Manche sind kunstvoll ausgeführt, manche sehr einfach und grob; es waren nicht nur Künstler am Werk, sondern wohl alle haben sich beteiligt.
Als Deutungsmöglichkeiten bieten sich zum Einen eine Beschwörung des Kindersegens, zum Anderen eine Selbstdarstellung - im Zuge der damals wohl aufkommenden verstärkten Erkenntnis der eigenen Persönlichkeit - an (Müller-Karpe, 1974, S.271).
Zu denken wäre in letzterem Zusammenhange auch an eine Art von Lebenshilfe, ein persönlicher Schutz, insbesondere bei Gefahr oder Krankheit, sowie zum Zeitpunkt der für die Mutter so lebensgefährlichen Geburt eines Kindes.


Literaturverzeichnis

Freund, Gisela: Die ältere und mittlere Steinzeit in Bayern, Jahresbericht der bayerischen Bodendenkmalpflege 4, 1963, 9-167.
Johanson, D.C. / Edey, M.A.: Lucy - Die Anfänge der Menschheit, München 1982.
Leakey, Richard E.: Die Suche nach dem Menschen, Frankfurt a.M. 1981.
Müller-Karpe, Hermann: Geschichte der Steinzeit, München 1974.
Rieder, K.H./Tillmann, A./Weinig, J.G.: Steinzeitliche Kulturen an Donau und Altmühl, Ingolstadt 1989.

Kurt Scheuerer, in FUNDORT 1, 1989


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