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Silvia Codreanu-Windauer
Archäologie in Dorfkirchen: zum Beispiel Thalmassing

 
Grabungsplan. C:LAfD
Die heutige Kirche überlagert ein großes römisches Gebäude, dessen Ausrichtung klar von der Kirchenachse abweicht. Erfaßt wurden die nördliche Außenmauer und zwei rechtwinklig nach Süden abgehende Mauerzüge. Sie begrenzen einen mindestens 35 m2 großen Keller der über einen rampenartigen Abgang im Norden erreichbar war. Er mündete in einen kleinen Vorraum, von dem aus man durch eine 1,25 m breite Tür in den Keller gelangte. Die Wände des außerhalb des Hauses gelegenen Kellerabgangs hatten sich noch bis zu 1,40 m hoch erhalten und wiesen starke Brandspuren auf. Diese lassen sich aufgrund der im Brandschutt gefundenen Münze, eines Antoninian des Gallienus (253-268 n.Chr.), mit den Alamanneneinfällen von 259/60 n.Chr. in Verbindung bringen. Vor dem Kellereingang lagen im meterhohen Schutt mehrere Muschelkalkspolien, unter anderem eine Säulentrommel und mehrere Bruchstücke eines profilierten Gesimses. Die Qualität der Architekturfragmente deutet auf ein außergewöhnlich gut ausgestattetes Hauptgebäude eines Gutshofes, wohl eine Portikusvilla, hin, dessen Grundriß freilich nur zu einem kleinen Teil erfaßt werden konnte. Zu diesem Gutshof dürfte auch ein annähernd quadratisches Gebäude gehören, das 1983 nördlich der Kirche aus der Luft entdeckt wurde. Ansonsten ist nur ein einziger romischer Fund, wiederum ein Antoninian des Gallienus, aus dem Umfeld der Kirche bekannt.

Allem Anschein nach nahm das Hauptgebäude der Villa rustica beim Alamannenüberfall 259/60 n.Chr. beträchtlichen Schaden, und zwar besonders die repräsentativen Teile (Portikus?), verfiel aber nicht vollständig. Zudem belegen Funde von germanischer Keramik, daß das Leben im Bereich der Villa im 4./5. Jahrhundert n.Chr. weiterging. Es handelt sich um Grobkeramik mit typischen vertikalen Leisten mit Fingernageleindrücken, Siedlungsware also, wie sie unter anderem in Kipfenberg-Böhming und Pförring, Lkr. Eichstätt, aber auch in Freystadt-Forchheim, Lkr. Neumarkt i. d. OPf., zum Vorschein kam.

Wenngleich die Art der Nutzung in jener Zeit noch im dunkeln bleibt, zeichnen sich für das 7. Jahrhundert deutliche Bautätigkeiten ab. Über dem mit Brandmaterial und germanischem Abfall zugeschütteten Kellerabgang wurde eine Trockenmauer aus Bruchsteinen errichtet, die an die damals noch vorhandene Nordwand der Villa angebaut ist. Vom stratigraphischen Befund her zugehörig sind auch zwei weitere Mauerzüge, die die gleiche Ausrichtung wie das römische Bauwerk aufweisen. Sie wurden innerhalb des noch stehenden römischen Gebäudes im inzwischen meterhoch zugeschütteten Keller eingezogen. Die diese Befunde datierende Keramik ist reduzierend gebrannt, weich, sehr rauhwandig und entspricht in Machart und Form der merowingischen Ware, wie sie in Reihengräbern des 7. Jahrhunderts vorkommt.

Steckkreuz. C:LAfD
Unmittelbar westlich der Trennwand im römischen Keller fand sich ein eisernes Steckkreuz (Abb. 116). Derartige Steckkreuze sind aus der weiteren Umgebung Regensburgs in zahlreichen Beispielen bekannt. Während die Kreuze vom Weinberg in Eining, die dort die christliche Nutzung einer römischen Ruine belegen, nicht zweifelsfrei mit der vom gleichen Ort stammenden frühmittelalterlichen Keramik in Verbindung gebracht werden konnten, ergab die Ausgrabung in der Kirche von Bad Gögging einen klaren Befund. Dort hatte man einen Raum des römischen Bades als frühchristlichen Versammlungsplatz genutzt, wovon zahlreiche in dessen Ostteil deponierte Eisenkreuze zeugen. Ihre einseitige Spitze deutet darauf hin, daß man sie auf eine Unterlage, eventuell aus Holz, steckte. In Thalmassing wiederholt sich nun die Situation von Bad Gögging, denn auch hier diente ein noch stehendes römisches Gebäude im 7. Jahrhundert als christlicher Kultraum. Freilich kam hier, bedingt durch die engen Grabungsschnitte, nur ein einziges Kreuz zutage, während sie in Bad Gögging zu Dutzenden angetroffen wurden. Die christliche Nutzung des Raums wird aber durch die darauffolgende bauliche Entwicklung erhärtet, denn darüber errichtete man wohl im späten 8. oder im 9. Jahrhundert eine Kirche, deren Sanktuanum bezeichnenderweise über der Fundstelle des Steckkreuzes lag.

Von dieser ersten Thalmassinger Kirche haben sich der Nordteil des Rechteckchors und die Nordwand des Langhauses erhalten, während die südliche Hälfte dem späteren Kirchenneubau zum Opfer fiel und nur noch aufgrund ähnlicher Kirchengrundrisse rekonstruiert werden kann. Die ergrabenen Mauerzüge lassen sich demnach zu einer Kirche mit einem mindestens 10 m langen und etwa 6,5 m breiten Langhaus und einem wohl quadratischen Rechteckchor von 3,5 m Breite ergänzen. Das eigentliche Presbyterium umfaßte noch weitere 2 m des Kirchenschiffes und wurde durch eine Schranke vom westlich anschließenden Laienraum getrennt. Diese für ihre Zeit stattliche Kirche stand wohl einige hundert Jahre, bis sie einem größeren Gotteshaus weichen mußte.

Die Entdeckung des zweiten Kirchenbaus ist dem Abschlagen des Putzes der alten Langhauswände bis in 4 m Höhe zu verdanken. Dies hatte zur Folge, daß die freiliegenden Mauerteile steingerecht aufgenommen werden mußten. Nach den Ergebnissen der Bauforschung handelt es sich um ein romanisches Handquadermauerwerk, das die Kirche ins 12. Jahrhundert datiert. Am Mauerwerk waren ferner zahlreiche mittelalterliche Umbauten, unter anderem auch der Einbau des Westturms im 16. Jahrhundert, abzulesen. Auf archäologischem Wege ließen sich die beiden Ansätze der einstigen eingezogenen romanischen Apsis nachweisen. Die eigentliche Apsis wurde beim barocken Umbau des Chors ausgebrochen.

Zu all den genannten Umbauten gibt es keine schriftliche oder bildliche Überlieferung. Allein durch die gemeinsamen Untersuchungen der Bau- und Bodendenkmalpflege und der Bauforschung war es möglich, die Geschichte der Thalmassinger Kirche detailliert zu klären. Ferner stellt der Nachweis der frühchristlichen Nutzung eines römischen Gebäudes einen Beleg dafür dar, daß der Befund aus Bad Gögging nicht singulär ist. Er könnte sich in mancher noch so unscheinbaren Dorfkirche wieder holen!

Archäologie in Dorfkirchen: zum Beispiel Thalmassing
Landkreis Regensburg, Oberpfalz
Silvia Codreanu-Windauer
Das archäologische Jahr in Bayern 1991, S. 146-148.


Literatur

H. U. Nuber, Ausgrabungen in Bad Gögging, Stadt Neustadt a.d. Donau, Lkr. Kelheim (Landshut 1980).
Th. Fischer, Das Umland des römischen Regensburg. Münchner Beitr. Vor- u. Frühgesch. 42 (München 1990).
K. H. Rieder, Archäologischer Beitrag zur Siedlungsgeschichte der Region Ingolstadt von der späten Römerzeit bis ins frühe Mittelalter. Sammelbl. Hist. Ver. Ingolstadt 99, 1990, 9ff.


Siehe auch:


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