Logo KS Kurt Scheuerer - Materialsammlung zur Mythologie
Erblühen im Schmuck
Zu den Insignien antiker Göttinnen

 

Aphrodite

Eheliche Harmonie ist keine Selbstverständlichkeit, es muss eine besondere Atmosphäre zwischen Mann und Frau bestehen. Sogar Hera bedarf, um diese wieder her zu stellen, der Hilfe, welche sie unter einem leicht zu durchschauenden Vorwand von Aphrodite erbittet:

»Gib mir den Zauber der Lieb' und der Sehnsucht, welcher dir alle
Herzen der Götter bezähmt und sterblicher Erdebewohner!
Denn ich geh' an die Grenzen der nahrungsprossenden Erde,
Daß ich den Vater Okeanos schau und Tethys, die Mutter,
Welche beid' im Palaste mich wohl gepflegt und erzogen, ...
Diese geh ich zu schau'n und den heftigen Zwist zu vergleichen.
Denn schon lange Zeit vermeiden sie einer des anderen
Hochzeitbett und Umarmung, getrennt durch bittere Feindschaft.
Könnte ich jenen das Herz durch freundliche Worte bewegen,
Wieder zu nah'n dem Lager, gesellt zu Lieb' und Umarmung,
Stets würd' ich die teure geehrteste Freundin genennet.«

Ihr antwortete drauf die hold anlächelnde Kypris:
»Nie wär´s recht, noch geziemt´ es, dir jenes Wort zu verweigern,
Denn du ruhst in den Armen des hocherhabnen Kronion.«
Sprach´s, und löste vom Busen den wunderköstlichen Gürtel,
Buntgestickt; dort waren des Zaubers Reize versammelt;
Dort war schmachtende Lieb´ und Sehnsucht, dort das Getändel
Und die schmeichelnde Bitte, die selbst den Weisen betöret.
Den nun reichte sie jener und redete, also beginnend:
»Da, verbirg in dem Busen den bunt durchschimmerten Gürtel,
Wo ich des Zaubers Reize versammelte. Wahrlich, du kehrst nicht
Sonder Erfolg von dannen, was dir dein Herz auch begehret.«
Sprach´s; da lächelte sanft die hoheitblickende Here;
Lächelnd drauf verbarg sie den Zaubergürtel im Busen.
(Homer. Ilias, 14.198-223. Übertragung von Johann Heinrich Voß.)

Aphrodite löst den Gürtel, den kestos himas, von ihrem Busen. Er ist ein buntgesticktes Band, also weder ein Halsschmuck, noch ein - wie bei Inanna - um die Taille geschlungener Gürtel, der die Kleidung zusammenhält. Hera verbirgt ihn im Busen, also unter der Kleidung.
Damit steht er wohl eher als sichtbares Zeichen stellvertretend für den »Aphrodisischen Zauber«, den »Urzauber der Liebe«, die »Wärme und Echtheit der Leidenschaft, die das Wesen der Aphrodite ebenso durchglüht, wie das sonnenhafte Gold ihre ganze Erscheinung« (Kerényi, Karl. Töchter der Sonne. Zürich 1944. S. 160.).

Diesen Grundzug ihres Wesens zeigt uns auch der Homerische Hymnos, er spricht von Aphrodite,
... die den unsterblichen Göttern süße Sehnsüchte einflößt,
ebenso auch die Geschlechter der Sterblichen jäh überwältigt, ...
Der Kythereia im herrlichen Stirnband huldigen alle ...
Ja, sie verführte Zeus sogar, den Werfer der Blitze ...
(Homerischer Hymnos auf Aphrodite. Übertragen von Dietrich Ebener. In: Bibliothek der Antike. Griechische Lyrik. Berlin und Weimar 1980.)

Auch Sappho bittet in ihrem Gebet an Aphrodite offensichtlich um diesen "Zauber" der Liebe:
"... steh im Kampf mir selber zur Seite!"
Die Angesprochene scheint damit einverstanden:
... Wen soll Peitho in Liebe wieder
jäh entbrennen lassen zu dir, wer, Sappho,
tut dir ein Unrecht?
Flüchtet sie: Nun, nachlaufen wird sie bald dir -
schlägt sie Gaben aus: Nun, sie selbst wird geben -
liebt sie nicht: So wird sie in Kürze, wider
Willen auch, lieben!
(Sappho, um 600 v.Chr. Übertragung: Dietrich Ebener. In: Griechische Lyrik. Berlin und Weimar 1980. S. 107.)
Hier - wenige Generationen nach Homer - hat sich die magische Wirkung bereits vom Gegenstand, dem Gürtel, gelöst, aber noch ist die Gottheit selbst die Beeinflussende. Bald schon wird die mythische Vorstellung vom rationalen Denken der Philosophen abgelöst werden. (Zum Begriff der "Achsenzeit": Jaspers, Karl. Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. 1955. S. 14-19.) Noch aber sind hier auch volks-magische Vorstellungen erkennbar, denn sogar "wider Willen auch" soll die zu beeinflussende Person lieben.

Einige griechische Vasenabbildungen sich waschender Frauen zeigen dünne Fäden mit Knoten, welche um die Schulter gehängt oder um Oberschenkel oder Arm gebunden sind. Ganz offensichtlich werden sie unter der Kleidung getragen. Nach volkskundlichen Belegen dienen sie jedoch wohl der Hinwegnahme von Krankheit, in unserem Zusammenhang mögen sie also unberücksichtigt bleiben.
Ganz prosaisch sei zuletzt auch noch der Gedanke an eine Hebevorrichtung der Büste vorgebracht, welche durchaus befähigt sein mag, den Liebreiz einer Frau zu erhöhen.

Betrachten wir nun Aphrodites Kleidung und Schmuck entsprechend der Beschreibung des Homerischen Hymnos. Zeus, ihren elementaren Verführungskünsten hilflos ausgeliefert, zürnte ihr, und ließ sie seinerseits nun "süßes Verlangen ... spüren zum Helden Anchises":
Vor ihn trat die Tochter des Zeus, Aphrodite, als hübsches,
stattliches Mädchen, das noch keine Ehe geschlossen;
sollte er doch bei ihrem Anblick ja nicht erschrecken.
Held Anchises bemerkte sie und gewahrte mit Staunen
ihre Größe und Schönheit und ihre glänzenden Kleider.
Denn sie trug ein Gewand, das leuchtete heller als Flammen,
trug auch gewundene Spangen und blanke Geschmeide in Kelchform.
Herrliche goldene Ketten von bunter, kunstreicher Arbeit
hingen um ihren zarten Nacken; ihr üppiger Busen
schimmerte silbern wie Schein des Mondes, ein Anblick zum Staunen.
(Homerischer Hymnos auf Aphrodite. Übertragen von Dietrich Ebener. In: Bibliothek der Antike. Griechische Lyrik. Berlin und Weimar 1980.)
Auch hier, das ist zu berücksichtigen, wird wiederum Schmuck des 7. Jhs v.Chr. beschrieben. Kostbar, bunt und farbig ist Aphrodites gesamte Ausstattung - auch Sappho betet zu ihr:
"Du, auf buntem Thron, Aphrodite, Göttin, ...".
Der "silberne Schimmer ihres Busens" läßt Kerényi an die kretischen Statuetten denken, deren auffallend bunte Kleidung die Brüste frei lässt.

Die orientalische Herkunft der Aphrodite von Ischtar und Astarte ist hier unverkennbar. Mit den Seefahrern über die Inseln kommend, erreichte sie die Griechen:
Aphrodite, die goldbekränzte, schöne, besing ich,
Sie, die rings die Höhen des meerumflossenen Kypros
Alle beherrscht, wohin sie des Zephyrs schwellender, feuchter
Windhauch über die Wogen des lautaufrauschenden Meeres
Trug im schmeichelnden Schaum. ...
(Homerische Hymnen. Übertragung: Thassilo von Scheffer.
In: Griechische Gedichte. Hrsg. Horst Rüdiger. Herrsching o.J. S. 20-23.)
Dort wurde sie von den örtlichen Naturgottheiten in Ehrerbietung empfangen und bedient:
... Die Horen im goldenen Stirnreif
Nahmen sie freudig auf, sie hüllend in göttliche Kleider, ...
Diese Horen waren alte Naturkräfte, zunächst für das Reifen der Früchte zuständig. Sie waren zum Numen Reife, der Jahreszeit und wohl auch der Stunde, des glücklichen Augenblicks, geworden.
An anderer Stelle, als Aphrodite beim Ehebruch mit Ares ertappt worden war, wird sie in ähnlicher Weise bekleidet:
... Der Kriegsgott eilte gen Thrake,
Aber nach Kypros ging Aphrodite, die Freundin des Lächelns,
In den paphischen Hain, zum weihrauchduftenden Altar.
Allda badeten sie die Charitinnen und salbten
Sie mit ambrosischen Öle, das ewige Götter verherrlicht,
Schmückten sie dann mit schönen und wundervollen Gewanden.
(Homer. Odyssee. 8, 361-366. Übertragung von Johann Heinrich Voß.)
Die Charites sind die Anmutsgöttinnen, römisch als Grazien bekannt.

Bei ihrer ersten Ankunft auf der Insel Zypern wurde die aus dem Meer sich erhebende Aphrodite von den (Blüte und Frucht bringenden) Horen auch mit Schmuck versehen:
Taten ihr auf das unsterbliche Haupt den prächtigen, goldenen,
Schöngefertigten Kranz, und in die durchstochenen Ohren
Fügten sie Blüten aus Messing und aus gepriesenem Golde.
Ihren zarten Hals und den silberschneeigen Busen
Schmückten sie mit goldenem Geschmeide, mit dem sie ja selber
Prangen, die Horen im goldenen Stirnreif, ...
(Homerische Hymnen. Übertragung: Thassilo von Scheffer. In: Griechische Gedichte. Hrsg. Horst Rüdiger. Herrsching o.J. S. 20-23.)
Mit "Messing" (oreichálkou) ist hier Orichalkum gemeint, die Legierung des römischen Dupondius, der doppelt so wertvoll als der gleich große As aus Kupfer war. Stirnreif, Ohrringe und Halsketten erinnern sehr an Inanna und besonders die Ohrringe sind deutlich orientalischer Herkunft - nördlich der Alpen tauchen solche erst in der Hallstattzeit auf.
Offenbar hat die neu angekommene Aphrodite die Bereiche der Horen und der Chariten in sich aufgenommen, wie dieses auch das Überreichen der Blumen-Ohrringe deutlich zeigt. Auch Venus, die altitalische Göttin des Frühlings und der Gärten, teilte dieses Schicksal wohl mit einer Vielzahl von weiteren örtlichen "Wirksamkeiten des Erblühens", deren aller Verehrung in derjenigen Aphrodites aufging.

Nun wieder zurück zum jungen Anchises:
Als sie sich auf dem lockenden Lager niedergelassen,
zog er zuerst den schimmernden Schmuck ihr vom Leibe, die Spangen
und die gewundenen Broschen, Geschmeide in Kelchform und Ketten,
löste den Gürtel ihr dann und streifte die glänzenden Kleider
ihr von den Gliedern und legte sie ab auf silberbeschlagnem
Sessel. Nach götterverhängtem Schicksal streckte sich schließlich,
ohne die Wahrheit zu wissen, der Sterbliche neben die Göttin.
(Homerischer Hymnos auf Aphrodite. Übertragen von Dietrich Ebener. In: Bibliothek der Antike. Griechische Lyrik. Berlin und Weimar 1980.)
Wie schon bei Inanna wird auch hier genau geschildert, in welcher Reihenfolge Schmuck und Kleidung abgenommen werden. Ist das ein Symbol dafür, dass Aphrodite damit ihre Göttlichkeit vorübergehend aufgibt? Anchises kann das Zusammensein mit einer menschlichen Frau überleben, mit einer Göttin so ohne Weiteres wohl nicht.

Kurt Scheuerer, Ingolstadt 1998


Aus dem Katalog zur Ausstellung
Das Geheimnis des Bernstein-Colliers
Ingolstadt 1998. S. 85-89.


Siehe auch:


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