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... die ains guoten willen sein
Eine umstrittene Stelle bei Lukas II

 
Eck - Luce. Das II. Capitel.:
Ehr sei Got in der hoehe vnd frid auf erden/ den menschen die ains guoten willen sein.


Es handelt sich um eine umstrittene und nicht uninteressante Stelle.

Die Vulgata (lateinische Version) hat:
et in terra pax hominibus bonae voluntatis
Luther original: und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen
und King James Bible: and on earth peace, good will toward men.

Die Einheitsübersetzung hat heute "und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade".
Die Einheitsübersetzung heisst so, weil sie eine einheitliche deutsche Übersetzung für alle deutschsprachigen Diözesen ist. Sie ist von Hause aus eigentlich eine katholische Übersetzung, es haben aber auch einige nicht-katholische Gelehrte an ihr mitgewirkt, insofern ist sie sogar ökumenisch, und sie wird denn auch von keiner Seite angefochten, sondern gilt im allgemeinen als zuverlässige Übersetzung (soweit eine deutsche Übersetzung zuverlässig sein kann: Jede Übersetzung weist gewisse Ungenauigkeiten und Mängel auf, das liegt im Wesen des Übersetzens).

Man sieht also, dass die heutige katholische Übersetzung stillschweigend alte Positionen widerrufen hat.
Im Grunde geht es um ein ganz einfaches Problem: Wie versteht man den Genitiv? Ist es ein Genitiv der Beschaffenheit (Genitivus qualitatis), wie dies Eck voraussetzte und was die Vulgata nahelegte, oder eine andere Art Genitiv? Nun ist es so, dass der Vulgata-Text nicht eigentlich falsch ist, aber dem Eck'schen Missverständnis Vorschub leistet. Denn im Griechschen Text ist es eigentlich ein klarer Fall: kai eiränä en anthropois eudokias, das heisst ganz Wörtlich "und Friede unter den Menschen des Wohlgefallens".
Nun ist es aber so, dass ein grosser Teil der Überlieferung statt des Genitivs den Nominativ eudokia hat - dann muss man so wie Luther oder King James Bible übersetzen. Doch inzwischen hat sich gezeigt, dass die Überlieferung des Genitivs sich auf die zuverlässigeren Handschriften stützt (was Luther noch nicht wissen konnte), also muss man davon ausgehen.
Nun ist die lateinische Übersetzung nicht falsch, aber missverständlich. Der Genitivus qualitatis hat im Lateinischen und Griechischen nicht die gleiche Häufigkeit und Wichtigkeit, auch sind eudokia und bona voluntas nicht völlig bedeutungsgleich - wer den lateinischen Text unbefangen liest, kommt leicht zur Ansicht, dass hier die Menschen gemeint seien, die selber einen guten Willen haben, und dass diesen Friede verheissen wird.
Der griechische Text lässt aber etwas ganz anderes hervorstechen: Hier versteht man den Genitiv spontan anders, und es liegt auf der Hand, dass jenen Menschen Frieden verheissen wird, an denen Wohlgefallen gefunden wird - der griechische Genitiv lässt sich in allen seinen Funktionen gut umschreiben mit "im Bereiche von". Also: Die Menschen im Bereiche des Wohlgefallens, also die Menschen, an denen jemand Wohlgefallen hat, und zwar dem Kontext nach zu schliessen Gott - daher kommt "seiner Gnade" in den Text der Einheitsübersetzung.
Eudokia ist im Griechischen viel stärker auf das Loben und Preisen als auf den guten Willen ausgerichtet, das zugehörige Verb eudokeo kann einfach "loben" bedeuten.
Nun ist es nicht so, dass man den Vulgata-Text nicht auch so verstehen könnte, doch liegt es ferner, an diese Lösung zu denken.

Wenn man vom Griechischen ausgeht, wird die Sache sehr schnell klar. Luther und die übrigen protestantischen Übersetzer gingen jeweils vom Griechischen aus, allerdings noch von eudokia im Nominativ, und ihre Übersetzungen sind daher nach dem Kenntnisstand ihrer Zeit richtig.

Auch Eck lieferte eine zutreffende Übersetzung des lateinischen Textes, von dem er als Katholik ausging. Man hatte sich jahrhundertelang mit dem Text der Vulgata begnügt, da man davon ausging, sie sei eine korrekte Übersetzung und reiche zum Klären jeder dogmatischen Frage aus. Ausserdem ging man davon aus, dass die tradierten Erklärungen und Auslegungen der biblischen Texte das Richtige vermittelten - das ist eben jenes katholische Prinzip Schrift UND Tradition im Gegensatz zum reformatorischen Schrift-allein-Prinzip.
Interessanterweise legte das Konzil von Trient zwar fest, dass die Vulgata für den dogmatischen Beweis ausreiche, und dogmatisierte zudem das Schrift-und-Tradition-Prinzip, zugleich aber ordnete das Konzil auch eine Überprüfung des Vulgatatextes an, um einen einheitlichen, unveränderten Text zu garantieren, den es so vorher offenbar nicht gab. Binnen weniger Jahrzehnte nach den Konzil wurden denn auch mehrere revidierte Vulgata-Fassungen vom Vatikan herausgegeben und verbreitet. Man empfand also offensichtlich auch das Bedürfnis, die biblischen Texte zu sichern, während im Mittelalter teilweise abweichende Fassungen nebeneinander bestanden.

Zu den dogmatischen Konsequenzen der Stelle folgendes: Die Eck'sche Fassung stellt weitgehend auf eine moralische Wertung ab. Dies steht in Einklang mit der Frömmigkeitspraxis vor der Reformation, die stark auf moralische Vervollkommnung und fromme Inbrunst ausgerichtet war. Der "gute Wille" spielte denn auch eine entscheidende Rolle in der Andachtsfrömmigkeit, Busspraxis und der katholischen Rechtfertigungslehre vom freien Willen und der Verdienstlichkeit der guten Werke.
Umgekehrt kann man natürlich die griechische Fassung "seiner Gnade" leicht im Hinblick auf eine reformierte Prädestinationslehre deuten.
Nimmt man die abweichende griechische Fassung, der Luther und King James Bible folgten, dann ergibt sich einfach die frohe Weihnachtsbotschaft: Friede auf Erden und ein Wohlgefallen für Menschen - darin lässt sich leicht das Evangelium, die gute Botschaft erkennen. Diese Fassung ist insofern vielleicht dogmatisch am wenigsten belastend.
Doch es stand dogmatisch noch etwas viel Höheres auf dem Spiel: Auf katholischer Seite ging es um nichts weniger als um die Gültigkeit und Zuverlässigkeit der katholischen Bibelauslegung. Man hatte sich jahrhundertelang auf die Vulgata gestützt, die überlieferten Auslegungsregeln und Deutungen befolgt, man hatte gelernt, die Bibel so zu verstehen, wie sie immer verstanden wurde, und wenn man an dieser Stelle zugegeben hätte, dass die Vulgata falsch verstanden wurde oder sogar eine ungenaue Übersetzung des griechischen Originals bot, dann hätte dies bedeutet, dass man auch an anderen Stellen hätte nachgeben müssen; wäre man an dieser Stelle von der überlieferten Auslegung abgewichen, hätte man auch anderswo von den überlieferten Auslegungen abweichen müssen, kurz: Das gesamte Lehr- und Auslegungsgebäude der katholischen Kirche stand auf dem Spiel.
Umgekehrt stand für die protestantische Seite genausoviel auf dem Spiel: Hätte man an einer dieser Stellen zugegeben, dass die katholische Auslegung denkbar wäre oder dass es sich vielleicht um ein kleines Missverständnis handle, dann hätte man auch an allen anderen Stellen, an denen man die Bibel anders verstand, ein Missverständnis oder gar einen eigentlichen Fehler eingestehen müssen - und am Ende wären alle reformatorischen Einsichten widerrufen gewesen.
Da auf beiden Seiten nichts weniger als die eigene Auffassung von wahrem Christentum auf dem Spiel stand, verharrte man auf den einmal eingenommenen Positionen und verteidigte sie zäh bis ins kleinste Detail an jeder umstrittenen Stelle, die dadurch zu letztentscheidenden Problemen wurden.

Philipp Wälchli, 1999


siehe auch:


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