Taranis, Idealbild eines Quinars aus dem Oppidum von Manching Kurt Scheuerer - Mythologie Taranis, gezeichnet von KS
Zeus - Taranis
Hüter der Gastfreundschaft

 
Der Pfeilschuß des Odysseus
Odyssee, 21./22. Gesang

 


21. Gesang.
»Ihr aber, ..., der umsichtigen Penelopeia, legte in den Sinn die Göttin, die helläugige Athene, daß sie den Bogen den Freiern setzte und das graue Eisen in den Hallen des Odysseus, als Gerätschaften für den Wettkampf und zum Beginn des Mordens.«
Iphitos hatte Odysseus »den Bogen gegeben, den vormals der große Eurytos getragen, doch der hinterließ ihn dem Sohne sterbend in den hohen Häusern. Ihm aber gab Odysseus ein scharfes Schwert und eine wehrhafte Lanze, zum Beginn einer vertrauten Gastfreundschaft.«
Den Bogen trug Odysseus nie im Krieg. Als »Andenken an den lieben Gastfreund blieb er immer daselbst liegen in den Hallen. Doch trug er ihn in seinem eigenen Lande.«

Penelope trat »neben den Pfeier des festgezimmerten Daches und hielt sich das schimmernde Kopftuch vor die Wangen ... und sagte die Rede:
"Hört mich, mannhafte Freier, die ihr über dieses Haus seid hergefallen mit Essen und Trinken unaufhörlich immer, ...
setzen will ich den großen Bogen des göttlichen Odysseus,
und wer am leichtesten mit den Händen den Bogen spannt und schießt mit dem Pfeil durch die zwölf Äxte alle,
dem will ich folgen und dies Haus verlassen, das eheliche, gar schöne, voll von Lebensgut, an das ich mich noch manchmal, denke ich, erinnern werde, sei es auch im Traume.«

Telemachos stellte »die Äxte auf, nachdem er eine Furche für alle durchgeogen, eine einzige, lange, und richtete sie nach der Richtschnur und stampfte rings die Erde fest.«
Die Freier versuchten den Bogen zu spannen, sie rieben ihn auch mit erwärmtem Talg ein. »Allein, sie vermochten ihn nicht zu spannen, weit fehlte es ihnen an Gewalt.«

Odysseus gab sich dem Rinderhirten und dem Schweinepfleger zu erkennen und befahl ihnen, die Halle zu verschließen.
Telemachos bat seine Mutter: »Doch gehe du in das Haus hinein und besorge deine Werke: Webstuhl und Spindel ... Der Bogen wird Sache der Männer sein, aller, jedoch am meisten meine, dem die Gewalt ist in dem Haus.«

»Den Bogen aber trug der Sauhirt durch das Haus, trat hin und legte ihn dem kluggesonnenen Odysseus in die Hände.«
»Der wandte nunmehr den Bogen hin und her und drehte ihn nach allen Seiten, ihn prüfend hüben und drüben, ob das Horn nicht Bohrwürmer zerfressen hätten, während der Herr abwesend war.« Die Freier spotteten.

»Doch der vielkluge Odysseus,
sobald er den großen Bogen betastet und von allen Seiten betrachtet hatte -
wie wenn ein Mann, kundig der Leier und des Gesanges,
leicht eine Saite spannt um einen neuen Wirbel
und faßt an beiden Seiten den gutgedrehten Darm des Schafes:
so ohne Mühe spannte den großen Bogen Odysseus.
Und griff und prüfte mit der rechten Hand die Sehne,
und sie sang schön unter ihr, einer Schwalbe an Stimme ähnlich.
Die Freier aber kam ein großes Weh an, und ihnen allen wechselte die Farbe.
Zeus aber donnerte gewaltig und gab ein Zeichen.
Da freute sich der vielduldende göttliche Odysseus,
daß ihm der Sohn des krummgesonnenen Kronos ein Wunderzeichen schickte.
Und er ergriff den schnellen Pfeil, der neben ihm auf dem Tische lag ...:
diesen, nachdem er ihn aufgelegt, faßte er vorn an des Bogens Bügel
und zog hinten die Sehne an und am Pfeil die Kerben,
daselbst vom Stuhle aus, im Sitzen,
und schoß den Pfeil, gradaus gezielt,
und verfehlte nicht das oberste Öhr an allen Äxten,
und durch und durch fuhr bis hinaus der Pfeil, der erzbeschwerte.«

Telemachos »legte sich das scharfe Schwert um ... und schloß seine Hand um die Lanze und trat dicht zu ihm an den Lehnstuhl, gerüstet mit funkelndem Erz.«

22. Gesang.
»Er aber entblößte sich von den Lumpen, der vielkluge Odysseus, und sprang auf die große Schwelle, den Bogen haltend und den mit Pfeilen angefüllten Köcher, und schüttete die schnellen Pfeile daselbst vor den Füßen aus und sagte zu den Freiern: "Dieser Wettkampf, der regelrechte, ist nun geendet! Jetzt aber will ich mir ein anderes Ziel ... ausersehen: ..."
Sprach es und richtete aus Antinoos den bitteren Pfeil. ...«
Ihn traf »Odysseus mit dem Pfeil in die Kehle, auf die er gezielt, und bis nach hinten gegenüber drang durch den weichen Hals die Spitze.«

Odysseus sagte zu den Freiern:
»Hunde! Da meintet ihr, ich würde nicht mehr zurück vom Gau der Troer nach Hause kehren:
daß ihr mir abgeschoren habt das Haus
und lagt bei den dienenden Frauen
und bracht das Hausrecht
und warbt, indessen ich noch selber lebe, um mein Weib,
weder die Götter scheuend, die den breiten Himmel innehaben,
noch irgendeine Nachrede der Menschen, die hinterdrein entstehen würde!
Jetzt sind die Schlingen des Verderbens auch über euch allen aufgehängt!«

Die Freier gaben Antinoos die Hauptschuld: »Denn der hat diese Werke angestiftet, ... bedacht, ... daß er in dem Gau von Ithaka, der guterbauten, selber König wäre und deinen Sohn aus dem Hinterhalt erschlüge.«
Sie boten jeder zwanzig Rinder und Erz und Gold als Buße.
Odysseus lehnte ab, er würde seine »Hände nicht mehr von dem Morde ruhen lassen, bevor die Freier nicht alle Übertretung abgebüßt.«

Odyssee, 21./22. Gesang. Übersetzung Schadewald

Als Odysseus den Bogen spannt, ertönt der Donner des Zeus, ein Zeichen seines Einverständnisses mit dem Schuß und seinen Folgen. Der Bruch der Gastfreundschaft muss mit dem Tode bestraft werden. Dies fordert und bestätigt der oberste Hüter des Gastrechts.


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