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Der Buntspecht und die Nuß

Ein hämmerndes Klopfen ließ mich an einem Spätherbsttag auf dem Balkon aufhorchen: Das war doch ein Specht? Richtig, und schnell hatte ich ihn entdeckt. Er saß, etwa 1m über dem Boden, am schrägen Baumstamm einer Zierpflaume in unserem Garten. Mit dem Fernglas konnte ich einen Buntspecht ausmachen, der irgend etwas hatte, worauf er laut hämmerte. Es war ein Männchen, kenntlich an dem roten Nackenfleck. Später sah ich denn, daß der Baumstamm an der Stelle eine natürliche Vertiefung hatte, die noch stärker vom Specht ausgearbeitet war. Zweifellos handelte es sich hier um eine sogenannte "Spechtschmiede". In der Schmiede befand sich die Hälfte einer Wallnußschale, vom Nußkern befreit.

Buntspecht vor Nuß Bild 1: Buntspecht vor der Nuß

Und dann beobachtete ich in den nächsten Tagen, daß der Specht immer wieder kam und Nüsse knackte. Die Nüsse fand er übrigens, etwa 5m von der Schmiede entfernt, unter unserem großen Wallnußbaum. In mir kam der Gedanke, ihn bei der Arbeit zu fotografieren. Zunächst aber mußte ich sicherstellen, daß er weiterhin kontinuierlich kam. Das schaffte ich auch, weil ich ihm regelmäßig mehrere Nüsse servierte, die ich in der Schmiede und benachbarten Astgabeln einklemmte. Irgendwo mußte er aber noch eine zweite Schmiede gehabt haben, denn manchmal flog er mit der Nuß davon. Das mußte ich natürlich verhindern, denn er sollte ja an der Stelle bleiben, wo ich ihn auf den Film bannen wollte. Aus V4A-Draht machte ich mir einen Nagel, den ich in der Schmiede in den Baum einschlug. Fortan wurden die Nüsse angebohrt, so, daß die Nuß stramm auf den Nagel geschoben werden konnte (Bild 1). Damit war das Problem des Verschwindens mit der Nuß gelöst. Und damit der Specht wußte, hier gibt es immer leichte Nahrung zu finden, knackte ich ihm die Nüsse vorher auch noch an - ein Service fast wie im Hotel!

Dieses "Anfüttern" machte ich eine längere Zeit, etwas zu lang, weil mich ein früher Wintereinbruch überraschte. Koste es was es wolle, ich mußte meine Aufnahmen haben. In Etappen über viele Tage baute ich in der unmittelbaren Umgebung der Spechtschmiede ein Tarnzelt auf, aus dem ich später die Aufnahmen machen wollte. Mit Zweigen, Stöcken, Buschwerk usw. kaschierte ich das Zelt. Die Entfernung Zelt zur Spechtschmiede betrug nur etwa 2 m, was auch der späteren Aufnahmeentfernung entsprach. Dann positionierte ich neben dem Zelt zwei Stative, die die Blitzgeräte aufnahmen, ebenfalls getarnt. Im Zelt hatte ich ein drittes Stativ für die Kamera und einen Minihocker zum Sitzen. Alle Geräte wurden miteinander verkabelt. Weil die Blitzgeräte ständig laufen mußten um zu jeder Zeit sofort einsatzbereit zu sein, hatte ich für sie eine externe Spannungsversorgung mittels Acku installiert. Das war mir sicherer als mit den eingebauten Batterien. Nach ein paar Testläufen war es denn soweit, ich verschwand frühmorgens im Zelt und wartete.

Buntspecht  hat  Nuß geknackt Bild 2: Buntspecht hat die Nuß geknackt

Aus den Erfahrungen der Vergangenheit weiß ich, daß es dem Tierfotografen an allem mangeln darf, nur nicht an Zeit und Geduld. (Hier sehe ich übrigens eine Parallele zur Aquaristik!!). Und dann kam ER, leicht irritiert über die Veränderung in der Umgebung, und robbte zur Nuß. Es wäre alles umsonst gewesen, hätte ich jetzt schon das Fotografieren angefangen. Ich ließ in hämmern und picken und rührte mich nicht. Erst des Nachmittags machte ich eine erste Blitzauslösung. Ich wußte schon vorher, jetzt würde er abstreichen, was er dann auch tat. Aber er kam wieder, die Nuß war doch zu verlockend. Und nach ca. 4 - 5 Blitzauslösungen blieb er dann nußknackend sitzen und zuckte nicht einmal, wenn es blitzte. Dann kam zusätzlich zum Blitz das Auslösen der Kamera, das ja mit Geräusch verbunden ist. Nach 2 - 3 Auslösungen war auch das Geräuschproblem beseitigt. Ich wußte, jetzt würde er bleiben (Bild 2). Aber mit dieser Erkenntnis wurde es auch schon dämmerich draußen, der Tag war gelaufen. Mit steifen Knochen verließ ich das Zelt, mein Gott, war Gliederstrecken schön!

Am nächsten Morgen war draußen alles weiß, es hatte geschneit über Nacht. Eingemummt gegen Kälte, verzog ich mich wieder früh ins Zelt. Das Warten erschien mir endlos. Ständig fummelte ich an der Kamera herum, stellte auf die Nuß scharf ein, überlegte, ob die Aufnahmen mit oder ohne Automatik gemacht werden sollten und prüfte die Blitze. Erst gegen Mittag tauchte mein Specht auf und begab sich zur Nuß. Und dann kam der erste Schuß - aus der Kamera natürlich. Alles hatte funktioniert, ich blitzte und er hämmerte. Das ging mehrere Aufnahmen gut, dann war er offenbar satt und entschwand. Ich nutzte die Zeit, meiner Frau per tragbarem Telefon mitzuteilen, mir eine Thermosflasche mit heißem Kakao ans Zelt zu bringen, denn es war wirklich kalt draußen und dabei noch still sitzen, ohne Bewegung. Am Nachmittag bekam ich in der Spechtschmiede Besuch von Kohlmeisen, die hatten auch Appetit auf Nüsse.

Buntspecht mit Nuß und NagelBild 3: Buntspecht mit Nuß und Nagel (oberhalb der Nuß)

Dann passierte folgendes: Mein Freund Buntspecht war mal wieder am Hämmern und er hatte offenbar Schwierigkeiten, die Nuß richtig zu knacken. Er zerrte mit offenem Schnabel an der Nuß bis er sie einschließlich dem V4A-Nagel aus dem Holz herausgezogen hatte. Menschlich interpretiert war er offenbar stolz auf seine Tat, er hielt nämlich die Nuß mit dem darinsteckenden Nagel triumphierend in die Höhe. Mit welcher Eingebung auch immer, ich drückte auf den Auslöser und bekam von dieser Positur eine Aufnahmenn, nicht ganz scharf aber doch brauchbar (Bild 3). Das ist ja das Problem bei der Fotografiererei: Bei den kurzen Gegenstandsentfernungen und den großen Brennweiten sollte man möglichst weit abblenden. Das geht aber nicht, weil im Freien nicht genügend Licht zur guten Ausleuchtung zur Verfügung steht. Folglich muß man wieder aufblenden, und dann leidet die Tiefenschärfe darunter. Zentimeter aus der eingestellten Schärfezone heraus, schon wirkt das Bild leicht unscharf. Mit Automatik-Scharfeinstellung ist da nichts zu machen - viel zu langsam!

So verbrachte ich einige Tage ganztägig in dem kleinen Zelt, nur gerade zum Mittagessen verließ ich es, alles andere brachte mir meine Frau nach Absprache. Wegen der anhaltenden Kälte konnte ich kaum meine Finger zum Auslösen richtig bewegen. Da half nichts, ich holte mir einen Elektroheizer ins Zelt und es wurde immer enger drinnen. Aus- und Einsteigen war nur möglich, wenn ich vorher alles nach draußen stellte, dann einstieg und wieder alles reinholte bzw. umgekehrt. Das Schlimmste aber war die gekrümmte Sitzposition, manchmal wußte ich nicht, wo meine Knochen waren.

Ich habe 2 Filme verschossen, wohlwissend, daß höchstens 10% davon brauchbar sind. So ungefähr war es denn auch. Es ist halt schwierig mit Tieren zu arbeiten, die wissen nicht, was man möchte, und sagen kann man es ihnen auch nicht. Aber dennoch war ich mit meiner Aktion sehr zu frieden. Den Specht hat's nicht gekümmert, er besucht uns nach 2 Jahren heute noch immer, und er bekommt auch seine Nuß weiterhin.

Zur Technik:

Als Kamera benutzte ich die NIKON F90. Ich arbeitete mit 2 verschieden Teleobjektiven, einem SIGMA- Zoom 70-210mm, 1:2,8 und einem SIGMA-Zoom 28-70mm, 1:2:8. Je nach Einstellung der Brennweite hatte ich den Specht formatfüllend, was sich bei Vergrößerungen auf 20x30cm sehr positiv auswirkt. Die Blitze waren auch von NIKON, Typ SB25. Sie waren unter einem Winkel von etwa 90° aufgestellt, um Schlagschatten zu vermeiden. Natürlich sind die Aufnahmen hier im Internet nicht zu vergleichen mit denen auf dem Papier, wo wirklich einzelne Federadern scharf zu erkennen sind.


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