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Damnatio memoriae
Die Tilgung des Gedenkens

 

Damnatio memoriae im alten Ägypten




Auch im alten Ägypten sind Inschriften und Statuen von Pharaonen durch ihre Nachfolger entfernt worden. Hier traf es u.a. Hatschepsut, Echnaton, Tutanchamun, Anchesenamum, Nachtmin, Ramses V., Anedjip und Aja.


Nun eine Zusammenfassung aus einer längeren Diskussion inerhalb der Internet-Newsgroup de.soc.kultur - Kemet, in welcher über das alte und das gegenwärtige Ägypten geschrieben werden kann:

Neben Hatschepsut und Echnaton ...:

Tutanchamun:

Im Video wird darüber berichtet, daß in der Königsliste von Abydos (Tempel Sethi I) die Kartusche von Tut ganz fehlt d.h. vom "Autor" übergangen wurde, und daß der Teil des Karnak-Tempels, den Tut hat bauen lassen, lediglich eine Kartusche mit seinem Namen enthält und die an schlecht zugänglicher Stelle.
Grund (Hypothese): Tut hatte keine Kinder/Nachkommen/Nachfolger, die nötig gewesen wären, um die Dynastie fortzuführen.

Es wurden übrigens auch die Gräber von Anchesenamum und Nachtmin geschändet (lt. Schneider).

Auch hab ich, leider schon vergessen wo, gelesen, daß der Name Ramses V von Ramses VI, der ja Ramses V gestürzt hat, getilgt wurde (Usurpation des Grabes KV9 durch R. VI).

Clayton: Die Pharaonen (Bechtermünz 1998). Seite 24:
"Anedjib scheint aus Thinis in der Nähe von Abydos zu kommen.
Unter seinem Nachfolger Semerchet, der seinerseits nicht in der Saqqara-Linie steht, wurde sein Name aus vielen Inschriften auf Steinvasen getilgt."

Aja:

Neben Hatschepsut und Echnaton, wie bereits vermerkt, wurde auch der Name von Aja in seinem Grab WV23 z.T. aus den Wänden herausgeschlagen. Ebenso wurde der Sarkophag gewaltsam beschädigt.
Ob dies in der Ramessiden-Zeit durch Grabräuber geschah oder ob dies von seinem Nachfolger Haremheb, weil dieser die Regierung Aja's als illegitim ansah, zuzuschreiben ist, weiß ich leider nicht.
Möglicherweise muß man die gewaltsam zerstörte Mumie, die man bisher Amenhotep III zuschrieb, Aja zuweisen -> Teil der damnatio memoriae (lt. Lexikon der Pharaonen, Schneider).

"Nicht bloß sein Sarkophag lag in Trümmern, auch sein Bild und sein Name waren aus den Malereien und Texten herausgeschlagen worden. Uschebti-Figuren des Königs sind nicht überliefert.
Diese damnatio memoriae wurde wohl auf Befehl seines Nachfolgers Haremhab durchgeführt,
was die Frage aufwirft, weshalb er Tutanchamuns Grab nicht in gleicher Weise demolieren und plündern liess..." (Clayton, S.137.)

Weiter wird berichtet, daß das Grab von Aja im West-Valley kurz nach seinem Tode geschändet und geplündert wurde.
Grund (Hypothese): Beteiligung von Aja an der möglichen Ermordung von Tut, Anchesenamun (nachdem er sie geheiratet hatte) und dem Hethiter-Prinzen, den Anchesenamun nach dem Tod von Tut ehelichen wollte.

Tuts junge Witwe schrieb an Schuppiluliuma I., dem König der Hethiter, einen Brief. (In der ehem. hetitischen Residenz, jetzt Türkei, wurde eine Kopie gefunden.) Sie erklärte darin, dass ihr Mann gestorben sei und sie keine Söhne habe. Der Hethiter König jedoch habe so viele und möge ihr daher sozusagen einen abgeben, um die Herrscherlinie zu erhalten, die sonst ende.
Nach Überprüfung durch die etwas misstrauischen Hethiter wurde dann beschlossen, das Angebot der Königin anzunehmen und ein Prinz namens Zannanza nach Ägypten geschickt, der allerdings nicht sehr weit gekommen ist.
An der Ägyptischen Grenze soll er erschlagen worden sein, und die Möglichkeit, dass Haremhab (schließlich OB der Armee) dran gedreht hat, liegt nahe.

Es handelte sich bei der Ermordung von Zannanza um die sog. Dachamunzu (=Königsgemahlin)-Affäre. Dazu schreibt Schneider:
"Der nach Abklärungen Schuppilulimas geschickte Prinz Zannanza wird jedoch auf dem Wege nach Ägypten, offenbar von der Opposition, in der man zumeist Aja u n d Haremhab vermutet, ermordet." (Scheider "Lexikon der Pharaonen")

Haremhab:

Ich denke, Haremhab war ein recht ehrgeiziger (um nicht zu sagen machtgeiler) Typ. Er hat unter verschiedenen Regimen gedient und sich offensichtlich stets arrangiert. Man könnte sagen, offensichtlich hat er auch sein Fähnlein nach dem Wind gedreht, wie einige 3300 Jahre nach ihm.
Seine Sporen verdiente er sich unter Amenhotep III. Oberster Befehlshaber wurde er unter dem Ketzer, als dessen Freund er teilweise bezeichnet wurde.
Nach dessen Tode wurde er unter Tut sogar er-pat, d.h. Königsstellvertreter. Diesen Titel trugen zwar auch Kronprinzen, er beinhaltete jedoch nicht die Anwartschaft auf den Thron.
Dennoch wäre Haremhab niemals auf Grund seiner Herkunft auf den Thron gelangt. Er hat also offensichtlich auch mehrmals die Gesinnung gewechselt.

Während seiner Regierungszeit hatte er dann im Wesentlichen nur noch im Inneren Säuberungen durchgeführt. Mit den Hethiterkönig Mursili schloss er einen Friedensvertrag (die Hethiter hatten ohnehin mit der Pest in Asien ihre Probleme). Die annähernd 30 Jahre seiner Regierung "begnügte" sich der überaus mächtige General mit der Absicherung im Innern. Allerdings dämmte er das allgemeine Elend ein, indem er die Korruption der Verwaltung hart verfolgte. Sein Nachfolger war dann mit Ramses I. ein "Generalkumpel" und sein Vizekönig.

Aja dürfte aus der Familie der Teje (Frau von Amenophis III.) gestammt haben, evtl auch mit Nofretete verwandt. Er gelangte durch die Heirat mit der jungen Tut-Witwe (evtl. auch gegen deren Willen) eigentlich rechtmäßig auf den Thron.

"...Dagegen legen die aus der Auffindung des memphitischen Grabes des Haremhab gewonnenen Einsichten eine andere Rekonstruktion nahe (J. van Dijk):
danach war Haremhab unter Tut'anchamun eigentlicher Regent und designierter Thronfolger,
während Aja als Usurpator nach dem plötzlichen Tod Tut'anchamuns in einem Staatsstreich die Macht übernahm anstelle des in Nordsyrien militärisch engagierten Haremhab".
Scheider "Lexikon der Pharaonen"


KS:
Zumindest scheint es sich bei den ägyptischen Beispielen um ausgemachte Einzelfälle zu handeln.
Die Löschung der Namen wurde von Nachfolgern angeordnet. Und es kam wohl nicht oft vor.
Das war in Rom schon auch so.
Aber dort kam es in drei Fällen vor, dass der Senat den verstorbenen Kaiser nach seinem Tod offiziell zum Landesverräter erklärte und seine persönlichen Daten löschen ließ.
Also durch einen rechtlich abgesicherten Beschluss, nicht aus Wut oder Berechnung eines einzelnen Regierenden heraus, so wie das z.B. wohl bei Caracalla geschehen war, der die Namen seines Bruders löschen ließ, nachdem er ihn ermordet hatte.
Zwischen Haremhab und Caracalla liegen fast 2.000 Jahre.
Es scheint also wohl jeweils eine eigenständige - nur zufällig gleiche - Unternehmung gewesen zu sein.
Eine Traditionsübernahme scheidet da wohl aus.
Ich wollte vor allem überprüfen, ob die Römer die Damnatio memoriae von irgendwo her übernommen, oder selbst herausgebildet hatten.

Andererseits könnte natürlich eine Rechtstradition aus dem alten Begriff der Verbannung heraus bestehen. Das gab es bei den Griechen.
Von den Juden ist es mir auch bekannt. Hatten letztere das aus Babylon oder aus Ägypten?
Oder ist das indoeuropäische Rechtsprechung? Bei Germanen ist die Verbannung auch überliefert.

Das oben Wiedergegebene ist eine Zusammenfassung aus einer längeren Diskussion inerhalb der Internet-Newsgroup de.soc.kultur - Kemet, in welcher über das alte und das gegenwärtige Ägypten geschrieben werden kann.
KS. 21.09.1999


Siehe auch:


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