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Philipp Wälchli:
Analyse der Darstellungen in der untersten Zone (Gemeinderaum) der Asamkirche zu München

 

Allgemeines

Das Programm der Fresken und Inschriften geht vom Vorraum über den Gemeinderaum bis in die untere Zone des Chores durch, macht also gleichsam die Bewegung der Decke mit, die ja den ganzen Kirchenraum durchgehend überspannt. Die Beichtstühle und die Kanzel sind als Deutungselemente ebenfalls zu berücksichtigen.

Als Sprüche sind nur Bibelverse und liturgische Verse ausgewählt. Komponiert ist das ganze Programm über drei Gedanken: Dem Gedanken der Busse, des Sakramentes, in dem dem Sünder die Lossprechung mitgeteilt wird. Die Busse steht so direkt in Beziehung zum Gericht und zum Abendmahlssakramt, das ja das Heil vermittelt. Die Busse vollzieht sich in der Form der Beichte, was hervorragend zum Patronatsheiligen Johann Nepomuk passt, der wegen der Bewahrung des Beichtgeheimnisses das Martyrium erlitt. Entsprechend betont sind die vier Beichtstühle in der Eingangszone.

Weiter baut das Programm auf dem Gedanken des Gerichts auf. Entsprechend finden sich Mahnungen, Drohungen und Aufforderungen zur Umkehr. Die Fresken zeigen Geschichten, in denen das Gerichtselement enthalten ist. Es steht in Verbindung mit Reue, Busse und Lossprechung der Sünder (Busse und Gericht sind nur zwei verschiedene Aspekte desselben Vorgangs).

Schliesslich spielt als dritter Gedanke der Gedanke des Sakraments, der Vollmacht des Geistlichen eine Rolle, und zwar in den Ausprägungen der Beichte, der Predigt und des Abendmahles. In der Beichte steht der Aspekt des Gerichtes im Vordergrund, in der Predigt der der Ermahnung und des Rufes zur Umkehr (mithin der Verkündigung des Gerichts) und im Abendmahl schliesslich der der Verkündigung der Lossprechung.

So sind diese drei theologischen Grundgedanken in der Asamkirche zu einer Einheit verbunden.
 

Das Programm im Detail

Das Programm beginnt beim Eingang rechts. Auf einem Beichtstuhl, dem sichtbaren Zeichen des Bussakramentes in der Kirche, steht St. Hieronymus, einer der vier Kirchenlehrer, mit einer Schrifttafel: »Quidquid latet, apparebit, / nil inultum remanebit - Was immer verborgen ist, wird offenbar werden, nichts wird ungestraft bleiben« (zwei vierhebige akzentuierende Verse mit Endreim). Damit ist das Thema angeschlagen, das den ganzen Kirchenraum beherrschen wird: das Gericht steht bevor, niemand und nichts kann ihm entgehen; es gilt, sich vorher zu bekehren und Busse zu tun (zum Beispiel gerade im Beichtstuhl darunter). Über Hieronymus fordern die Inschriften von Engeln »surgite, ite / venite, ite - steht auf, geht, kommt, geht!« auf zur Umkehr und Busse.

Über dem Beichtstuhl links im Vorraum steht St. Petrus mit dem Himmelsschlüssel, der nach Mt. 16 bevollmächtigt ist, zu lösen und zu binden, Sünden zu vergeben oder nicht. Er stellt die Vollmacht der Kirche dar, in der Beichte, dem Bussakrament, die Sündenvergebung stellvertretend auszusprechen oder zu verweigern. Die Inschrift lautet »Ibunt hi in supplicium - diese werden zur Strafe (Verdammnis) gehen«, was sich auf die Verdammten des Gerichts bezieht.

Weiter geht es über dem Beichtstuhl links im Kirchenraum. Hier lautet die Inschrift »Hi autem in vitam aeternam (zu ergänzen: ibunt) - jene aber (werden gehen) ins ewige Leben«, die mit der vorangehenden Inschrift zusammenzulesen ist und die Seligkeit der beim Gericht Freigesprochenen darstellt.

Rechts gegenüber lautet die Inschrift »Mors peccatorum pessima - der Tod der Sünder ist überaus schlimm«, nochmals eine deutliche Warnung an alle, die nicht bereit sind, sich zu bekehren und Busse zu tun.

Das erste Bild links zeigt einen Seligen, der von einem Engel zur Dreieinigkeit im Himmel geleitet wird, zwei Verdammte werden von einem Engel mit Flammenschwert hinuntergestürzt. Gezeigt wird augenfällig der doppelte Ausgang des Gerichts. Rechts zeigt das Bild die Übergabe des Rosenkranzes durch Maria an St. Dominikus. Der Rosenkranz gilt als das wirksamste Mittel zur Bekämpfung der Ketzer, der Bekehrung der Sünder und der Gewinnung des Seelenheils für sich selbst. Er erlöst also von der »Mors pessima« und führt zu dem Engel im Fresko links, der einen in die ewige Herrlichkeit geleitet.

Es folgen als grosse Hauptbilder links die Tempelreinigung, rechts die Fusswaschung nach Johannes 13. Die Tempelreinigung ist eine klassische Szene, die typologisch das Gericht darstellt. Dies verdeutlicht die Inschrift darüber: »Timete eum - fürchtet ihn! (d. h.: Gott als Richter)« (Luk. 1) Die Fusswaschung zeigt hingegen die Reinigung seiner selbst, die zur Errettung im Gericht führt: »Wenn ich dir die Füsse nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir«, sagt Jesus zu Petrus, der widerstrebt. In der Fusswaschung erniedrigt sich Gott selbst, wäscht uns die Sünden ab und spendet uns das Sakrament der Gnade, was wiederum die Inschrift darüber verdeutlicht: »Semet ipsum exinanivit - Er entäusserte/erniedrigte sich selbst in eigener Person«, ein Spruch aus Philipper 2, wo Christi Menschwerdung als Erniedrigung Gottes durch sich selbst bis hin zum Kreuzestod gedeutet wird. Damit wird bereits auf die Sakramente hingewiesen, von denen die späteren Darstellungen handeln.

Links folgt nun die Geschichte der Sünderin, die im Hause des Pharisäers Jesus die Füsse mit Tränen und Haaren säubert. Sie ist eine klassische Geschichte von Reue, Busse und Begnadigung eines Sünders.

Rechts gegenüber befindet sich die Kanzel, an der die Predigt Johannes des Täufers dargestellt ist. Johannes d. T. ist der klassische Buss- und Umkehrprediger des Neuen Testaments und der katholischen Theologie. Hier weist er der Predigt die Funktion zu, die Gläubigen zur Umkehr und Busse und somit zur Seligkeit zu berufen; zugleich zeigt er die Vollmacht des Leutpriesters, wie Johannes die Busse machtvoll zu predigen, an. Darüber befinden sich die beiden Tafeln mit den zehn Geboten und die Inschrift »Et dedit illis coram praecepta et legem vitae et disciplinae - Er gab (ihm) vor ihnen sowohl die Anweisungen als auch das Gesetz des Lebens und des Verhaltens«, ein Text aus dem 45. Kapitel des Buches Jesus Sirach, in dem über die Vollmacht der Priester seit Aaron die Rede ist. Hier geht es also um die Darstellung der sakramentalen Vollmacht der Priester und um die Geltung des Gesetzes (der Gebote), nach dem gerichtet wird und das das Gericht erst ermöglicht, ja das ein Gesetz ist »zum Leben hin«, d. h. mit dem Ziel erlassen, die Sünden aufzudecken und so zur Busse und zur Seligkeit zu weisen (es vermag selber aber nicht, die Busse zu bewirken oder das Heil zu spenden, denn dies vermag nur Christi Kreuzestod und das Abendmahlssakrament als dessen Nachfolger; trotzdem bleibt das Gesetz Hilfsmittel zur Aufdeckung der Sünde und letztlich Massstab des Gerichts, auch wenn es seine konkrete Heilsfunktion durch Christi Opfertod verloren hat).

Über den Choreingängen verkünden Sprüche aus dem Lob-Psalm 148 »Laudate dominum omnes angeli eius / laudate eum omnes virtutes eius - Lobet den Herrn, all seine Engel, lobet ihn, seine Heerscharen« das im Himmel gesungene Gotteslob und fordern die Gemeinde auf, bekennend in dieses einzustimmen.

Über den drei Türen und dem Fenster im Chor lauten die Inschriften (von links nach rechts): »Ecce panis angelorum - Siehe hier, das Brot der Engel«, ein Vers aus dem Hymnus »Lauda Sion«, der sich im Fronleichnamsoffizium findet und die Abendmahlstheologie schildert, »Ego sum panis vivus - Ich bin das Brot des Lebens«;, ein Spruch aus dem Johannesevangelium, der auch in der Abendmahlsliturgie verwendet wird, »Mors est malis, vita bonis - Der Tod ist für die Bösen, das Leben für die Guten«, ebenfalls aus dem Hymnus »Lauda Sion« und »miscuit vinum - er mischte den Wein«, ebenfalls auf die Abendmahlshandlung bezogen.

Die beiden ersten und der letzte Spruch weisen auf den göttlichen Ursprung des Abendmahlssakramentes hin; die beiden ersten auf dessen heilsspendende Kraft. Der dritte Spruch weist darauf hin, dass für den unvorbereiteten (d. h. ungebeichteten) Sünder die Einnahme der Hostie zur Verdammnis führt, nur für den reuigen, Busse leistenden Sünder zum Heil. Dies stimmt überein mit 1. Kor. 15, wo es heisst, dass diejenigen, die unwürdig zum Abendmahl kommen, das Abendmahl zu ihrem Verderben einnehmen. Im Chor ist also Heilsspende durch das Sakrament, Sakrament und Gericht miteinander in eins gesetzt.

Schliesslich finden sich über dem Gemeinderaum noch vier über Kreuz zu lesende Sprüche aus Psalm 106: »A solis ortu et occasu, ab aquiloni et mari - Von Osten und Westen, von Norden und Süden (ergänze: sammelt Gott seine Vertrauten)«, was nach dem Zusammenhang des Psalmtextes sich auf die Gläubigen am Ende der Zeiten bezieht, die Gott bei sich versammelt. Es handelt sich hier also um einen apokalyptischen Ausblick auf die Vollendung nach dem Gericht.

Schemata der Darstellungen in der Asamkirche in München

10. August 1993 - Philipp Wälchli


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